Das Leben der Geiseln muss Priorität haben
FOCUS 37/00 11.09.2000
Privatagent Mauss über die Entführungsindustrie
Focus: Kurbeln Libyens Lösegeldzahlungen die Entführungsindustrie an?
Mauss: Die sehr lauten Vorgänge auf den Philippinen werden
eine negative Signalwirkung erzielen. Aber das Leben der
Geiseln muss Priorität vor allen anderen Überlegungen haben.
Die Philippinen befinden sich seit Jahrzehnten in einem
großen inneren sozialen Konflikt, verursacht unter anderem
durch die wirtschaftliche Benachteiligung der muslimischen
Minderheit in dem katholisch geführten Land. Die von der
Geiselnahme auf Jolo betroffenen Länder waren gefordert, das
Problem still und in engster Kooperation nur mit den
Philippinen und deren Nachbarstaaten zu lösen.
Focus: Die Situation in Jolo schein verfahren zu sein.
Mauss: Der Fall Jolo ist nur die Spitze eines Eisbergs und
könnte Teile Südostasiens in eine ähnliche Lage bringen. Der
Ruf nach militärischem Eingreifen erfolgt in diesem Fall
viel zu schnell. Man muss die asiatische Mentalität
respektieren und das vernachlässigte Problem von Jolo und
Mindanao durch eine enge Zusammenarbeit innerhalb der
asiatischen Staatenfamilie aufarbeiten – eventuell mit
politischer und finanzieller Unterstützung Europas und der
USA.
Focus: In Kolumbien sind Entführungen bereits zu einem
wichtigen Wirtschaftszweig geworden. Weshalb?
Mauss: Kolumbien zählt wegen seiner Bodenschätze zu den
reichsten Ländern der Welt. Trotzdem lebt der größte Teil
der Bevölkerung unter dem Existenzminimum. Die Macht der
Kartelle, Drogenhandel, Korruption und Misswirtschaft führen
zu Anarchie. In weiten Teilen des Landes ist der Staat nicht
existent; zirka 60 Prozent des Territoriums werden von den
Guerillabewegungen kontrolliert, die gegen den Staat
rebellieren. Entführungen in Kolumbien sind in erster Linie
die Folge der sozialen Probleme.
Focus: In den Medien wurden 1996 Ihre eigenen
Vermittlungserfolge bei Geiselbefreiungen in Frage gestellt.
Mauss: Wie amtlich festgestellt, wurden meine Frau und ich
durch Intrigen einer Sicherheitsfirma 1996 in Medellin
festgenommen. Die Presse hat später auch berichtet, dass wir
von allen Vorwürfen rechtskräftig freigesprochen worden
sind. In der Entscheidung wird festgestellt, dass „das
Ehepaar Mauss zu keinem Zeitpunkt gegen kolumbianisches
Recht verstoßen hat, die Inhaftierung rechtswidrig war und
kein Lösegeld bezahlt wurde“. Die von meiner Frau und mir
1998 zu Stande gebrachten Friedensgespräche für Kolumbien
sind der richtige Weg.